Das erste GT3-Rennen der Xiaomi CHINA GT Championship in Shanghai ist nach einem schweren Unfall vorzeitig beendet worden. In Runde sieben kam es im letzten Sektor des Shanghai International Circuit zu einem heftigen Feuerunfall, in den gleich mehrere Fahrzeuge verwickelt waren. Der Ferrari #91 von FIST Team AAI, gefahren von Oliver „Ollie“ Millroy, fing nach dem Unfall sofort Feuer.
Millroy musste anschließend ins Krankenhaus gebracht werden. Nach Informationen aus dem Umfeld des Teams erlitt der Brite mehrere Verletzungen, darunter gebrochene Rippen, eine gebrochene Hand, ein gebrochenes Schlüsselbein sowie einen schweren Schlag auf den Kopf. Nach unseren Informationen besteht jedoch keine Lebensgefahr.
Auch David Chen (Chen Weian) und Loek Hartog wurden nach dem Unfall medizinisch untersucht. Beide konnten das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen. Millroy ist nach aktuellem Stand der einzige der drei Fahrer, der weiterhin im Krankenhaus behandelt wird.
Der Unfall sorgt inzwischen nicht nur wegen seiner Heftigkeit für Diskussionen. Vor allem die Rettungsmaßnahmen an der Unfallstelle und der Umgang der Veranstalter mit den Informationen über den Gesundheitszustand von Millroy stehen massiv in der Kritik. FIST Team AAI hat als Reaktion bereits angekündigt, sich mit sofortiger Wirkung aus der CHINA GT zurückzuziehen.
Schwerer Unfall nach Kampf um Platz acht
Um 10:20 Uhr deutscher Zeit wurde das erste GT3-Rennen des Wochenendes gestartet. Zunächst verlief das Rennen ohne größere Zwischenfälle. Nach rund 15 Minuten Rennzeit kam es jedoch zu dem folgenschweren Unfall.
Im Kampf um Platz acht befanden sich der TBC by 610Racing BMW #37 von David Chen (Chen Weian) und der Winhere Harmony Racing Ferrari #51 von Neil Verhagen. Auf der langen Geraden setzte der BMW zum Überholversuch an. Dabei zog der Ferrari weit nach rechts. Die beiden Fahrzeuge berührten sich, wobei der BMW den Ferrari am Heck traf.
Beide Fahrzeuge gerieten daraufhin neben die Strecke beziehungsweise auf das Gras und verloren bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle. Anschließend drehten sich beide Fahrzeuge in Richtung der vorletzten Kurve.
Dort trafen sie auf weitere Fahrzeuge, die sich aufgrund der Kurve bereits in einer langsameren Passage befanden und in die Kurve einbogen. Das Heck des Ferrari #51 wurde dabei mit voller Wucht in die rechte Seite des Ferrari #91 von FIST Team AAI geschleudert. Der Ferrari von Oliver Millroy fing unmittelbar Feuer.
Das Fahrzeug drehte sich anschließend brennend in Richtung Streckenbegrenzung. Kurz darauf wurde das Livebild von der Unfallstelle weggenommen und die rote Flagge gezeigt. Nach rund 20 Minuten folgte schließlich die offizielle Mitteilung der Rennleitung:
„RACE WILL NOT BE RESUMED“
Damit wurde das Rennen nach rund 15 Minuten beendet.
Dennis Marschall feiert ersten CHINA-GT-Sieg
Da mindestens zwei Runden absolviert wurden, wird das Rennen mit halben Punkten gewertet. Damit feierte Dennis Marschall bei seinem CHINA-GT-Debüt gemeinsam mit Zhang Huilin im #116 Ferrari von Apex Predator Racing den Sieg. Marschall war zuvor von der Pole-Position gestartet.
Platz zwei ging an den #710 Ferrari von Climax Racing mit Chen Fangping und Elias Seppänen. Das Podium komplettierte der #3 Mercedes-AMG GT3 EVO von ELEGANT Racing Team mit LIU Weng Hin und Tom Kalender. Die kompletten Ergebnisse des ersten Rennens findet ihr hier. Das Ergebnis ist aktuell noch provisorisch und basiert auf dem Stand zum Zeitpunkt des Abbruchs vor der roten Flagge.
Sportlich geriet das Ergebnis jedoch schnell in den Hintergrund. Denn hinter den Kulissen war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass die Folgen des Unfalls deutlich schwerwiegender waren.
„Driver ok“
Direkt nach dem Unfall wurde über die Fahrer zunächst nur sehr wenig bekannt. Auf Nachfrage wurde uns aus dem CHINA-GT-Team zunächst mitgeteilt:
„Driver ok“
Diese Information wurde entsprechend weitergegeben. Auch im englischen Livestream wurde kommuniziert, dass der Fahrer okay sei.
Nach etwa zehn Minuten unter roter Flagge wurde im Livestream erstmals ein Replay des Unfalls gezeigt. Darauf war zu erkennen, dass Oliver Millroy gemeinsam mit den beiden anderen beteiligten Fahrern zu sehen war. Im Laufe des Tages wurde anschließend bekannt, dass Millroy zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus gebracht worden war.
Nach Informationen aus dem Umfeld des Teams erlitt er mehrere gebrochene Rippen, eine gebrochene Hand und ein gebrochenes Schlüsselbein sowie einen schweren Schlag auf den Kopf. Gleichzeitig wurde uns mitgeteilt, dass keine Lebensgefahr besteht. Später wurde bekannt, dass Loek Hartog und David Chen das Krankenhaus wieder verlassen konnten. Millroy befindet sich dagegen weiterhin zur Behandlung im Krankenhaus.
Die Ehefrau von Ollie Millroy macht sich ebenfalls auf den Weg von Großbritannien ins Krankenhaus, um ihn zu unterstützen. Ein später veröffentlichtes privates Foto ließ Millroy dabei trotz seiner Verletzungen in vergleichsweise guter Verfassung erscheinen.
Loek Hartog wird zum Helden
Besonders eindrücklich sind die Bilder, die nach der Liveübertragung in den sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden.
„Aber hier geht es nicht darum, was ich getan habe, und ich bin mir sicher, dass viele Menschen an meiner Stelle genauso reagiert hätten. Ich bin einfach dankbar, dass ich in diesem Moment an diesem Ort war.“
Der Vorfall habe ihm außerdem erneut vor Augen geführt, wie wichtig die Sicherheitsstandards im Motorsport seien. Seine wichtigste Botschaft lautete:
„Das Wichtigste: Ollie geht es gut. Der heutige Tag hätte ganz anders ausgehen können. Ich bin unglaublich dankbar, dass er das nicht ist. ❤️“
„Loek, ich schulde dir mein Leben“
Gegen 17:45 Uhr meldete sich Oliver Millroy selbst über Instagram zu Wort. Seine Botschaft richtete er direkt an Hartog:
„Loek, ich schulde dir mein Leben. Du hast dein eigenes Leben riskiert, um mich ohne zu zögern aus einem brennenden Auto zu ziehen. Eines Tages werde ich meinen drei kleinen Kindern diese Geschichte erzählen, und du wirst ihr größter Superheld sein. Danke. 🙏“
Auch weitere Fahrer der CHINA GT bedankten sich in den sozialen Medien bei Hartog, darunter Rio, Wang Yibo und Liu Weng Hin.
Große Kritik an den Rettungsmaßnahmen
Während Hartog für seinen Einsatz gefeiert wird, richtet sich der Blick gleichzeitig auf die Rettungsmaßnahmen an der Strecke.
Auf den Onboard Aufnahmen in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie Hartog zunächst selbst zum brennenden Fahrzeug läuft und versucht, Millroy zu helfen. Weitere Streckenposten mit Feuerlöschern sind erst anschließend an der Unfallstelle zu sehen.
Vor allem die Frage, warum es so lange dauerte, bis weitere Streckenposten und Rettungskräfte am Unfallort eintrafen, wird seitdem intensiv diskutiert.
In sozialen Netzwerken wird die Reaktion der Streckensicherheit teilweise scharf kritisiert. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob bei einem derart heftigen Feuerunfall auf einem Kurs wie dem Shanghai International Circuit ausreichend schnell reagiert wurde.
FIST Team AAI beendet Zusammenarbeit mit der CHINA GT
FIST Team AAI, aktuell Drittplatzierter der GT3-Teamwertung, zieht Konsequenzen aus dem Unfall und kündigt den sofortigen Rückzug aus der CHINA GT an.
In einer auf chinesischen Social-Media-Kanälen veröffentlichten Stellungnahme kritisiert das Team die Rennorganisation scharf und erhebt unter anderem den Vorwurf grober Fahrlässigkeit bei den Notfallmaßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen. Das vollständige Statement des Teams lautet:
„Unser Fahrer Oliver Millroy war während der vierten Runde des China-GT-Rennens in Shanghai in einen schweren Streckenunfall verwickelt. Das Auto prallte heftig auf und fing schnell Feuer, was zu einer kritischen Situation führte. Die Rennorganisatoren handelten bei ihren Notfallmaßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen vor Ort grob fahrlässig. Ihre Rettungsbemühungen wiesen eklatante Mängel auf, sodass eine Tragödie nur knapp verhindert werden konnte.
Besonders empörend ist, dass die Rennleitung während der Liveübertragung des Rennens die Lage vor Ort nicht überprüfte und voreilig berichtete, der Fahrer habe das Auto aus eigener Kraft verlassen. Die Wahrheit ist: Unser Fahrer mit der Startnummer 91 wurde von Loek Hartog, dem Fahrer der Startnummer 79 vom Phantom-Team, aus dem brennenden Auto gerettet, der dabei seine eigene Sicherheit hintanstellte. Wir zollen Herrn Loek Hartog für seine heldenhafte und selbstlose Rettungstat höchsten Respekt.
Nach dem Unfall versäumten es die Veranstalter, rechtzeitig ausreichende medizinische Ressourcen für die Behandlung bereitzustellen. Bis heute haben sie sich weder beim Team noch bei den Beteiligten offiziell für die aufgedeckten gravierenden Versäumnisse entschuldigt.
Die Sicherheit der Fahrer ist im Motorsport eine unumstößliche Grundvoraussetzung. Die Missachtung von Lebensrisiken durch die Veranstalter, ihr Dulden falscher Informationen in der Liveübertragung und das Herunterspielen der Schwere des Unfalls sind extrem unverantwortlich. Dies tritt Branchenstandards mit Füßen und beschädigt das Vertrauen von Teams, Fahrerfamilien und der überwiegenden Mehrheit der Motorsport-Fachleute zutiefst. Wir verurteilen dies aufs Schärfste.
Aus Protest zieht sich unser Team mit sofortiger Wirkung von allen zukünftigen Rennen der CHINA GT zurück. Dieser Rückzug gilt so lange, bis das Organisationskomitee des Rennens eine vollständige, unabhängige und transparente Untersuchung aller Probleme – einschließlich der Fahrlässigkeit bei den Rettungsarbeiten im Zusammenhang mit diesem Vorfall – abgeschlossen hat und uns eine formelle Antwort zukommen lässt.
Wir fordern das China GT Racing Organisationskomitee nachdrücklich dazu auf:
Unverzüglich eine umfassende Untersuchung einzuleiten, die Details des Unfalls vollständig offenzulegen und die Probleme sowie Verantwortlichkeiten in jeder Phase der Streckensicherheit, der Liveübertragung und der offiziellen Informationsverbreitung zu klären;
Eine formelle Entschuldigung an das betroffene Team, die Fahrer und deren Familien für die unzureichenden Rettungsmaßnahmen auszusprechen;
Den gesamten Prozess der Streckensicherheit, der Notfallrettung, der Überprüfung von Liveübertragungen sowie der offiziellen Informationsverbreitung systematisch zu überarbeiten und einen umsetzbaren sowie überprüfbaren Sicherheits-Upgrade-Plan einzuführen, um die Sicherheit aller Teilnehmer zu gewährleisten.
Wir werden den Genesungsfortschritt des Fahrers weiterhin verfolgen und behalten uns alle Rechte vor, rechtliche Schritte einzuleiten und die Verantwortlichen über alle rechtlichen Kanäle zur Rechenschaft zu ziehen.
Wir beten von ganzem Herzen, dass der Fahrer diese schwere Zeit übersteht und rasch und vollständig genesen wird.“
Was sagen die Organisatoren der CHINA GT?
Bislang nichts.
Das für die Organisation der CHINA GT verantwortliche Team von Top Speed Sports Events LS Limited hat nach dem Unfall noch keine öffentliche Erklärung veröffentlicht – weder auf Instagram noch über die chinesischen Social-Media-Kanäle der Meisterschaft. Auch auf unsere direkte Nachfrage liegt bislang keine Rückmeldung vor.
Wie geht es in Shanghai weiter?
Am morgigen Tag soll das Rennprogramm normal fortgesetzt werden. Um 03:15 Uhr beginnt das zweite Rennen der GTC/GTS-Klasse. Das zweite GT3-Rennen ist weiterhin für 08:20 Uhr angesetzt.
Nach dem Rückzug von FIST Team AAI bleibt abzuwarten, wie viele Fahrzeuge tatsächlich an den Start gehen werden und ob sich weitere Teams zu Konsequenzen entschließen. Ebenso offen ist, ob die Organisatoren vor dem geplanten Rennen noch eine Stellungnahme veröffentlichen.
Nach dem zweiten GT3-Lauf ist außerdem das dritte Rennen der GTC/GTS-Klasse geplant, in dem bereits Meisterschaftsentscheidungen fallen könnten.
Wir berichten auch morgen wieder live über die Entwicklungen – mit hoffentlich weiteren Informationen zum Gesundheitszustand von Oliver Millroy, zu den Konsequenzen des Unfalls und zur Reaktion der CHINA GT. Die Übertragung gibt es live mit Simon Fauser auf unserem YouTube-Kanal!