Ich glaube, jeder aus der Motorsportwelt hat es mitbekommen: Der schwere Feuerunfall von Oliver „Ollie“ Millroy im ersten GT3-Rennen der Xiaomi CHINA GT Championship und die anschließende Rettungsaktion von Loek Hartog, der den Briten aus dem brennenden Ferrari befreite, sorgten weltweit für Aufsehen.
Inzwischen hat die Rennleitung einen Verantwortlichen für den Unfall gefunden. Nach Ansicht der Stewards trägt Neil Verhagen im #33 BMW M4 GT3 EVO von TBC by 610Racing die alleinige Verantwortung für die Kollision, die letztlich zum schweren Unfall von Millroy führte.
Am Sonntag um 11:46 Uhr Ortszeit veröffentlichten die Stewards mit Decision 15 ihre offizielle Entscheidung zum Unfall aus dem ersten GT3-Rennen. Darin wird detailliert erklärt, wie es aus Sicht der Rennleitung zur Kollision zwischen den Fahrzeugen #33, #37 und #91 kam.
Stewards sehen Verhagen als Verursacher
Laut der Entscheidung befanden sich der #33 BMW von Neil Verhagen und der #37 Ferrari von David Chen auf der langen Geraden vor Kurve 14. Beide Fahrzeuge waren mit rund 270 km/h unterwegs und fuhren dabei auf den Streckenrandbereich beziehungsweise das Gras neben der Strecke.
Nach Ansicht der Stewards fuhr der #37 Ferrari dabei weiterhin geradeaus und zeigte keine ungewöhnliche Änderung der Fahrlinie oder Geschwindigkeit. Der BMW von Verhagen befand sich direkt dahinter und war zu diesem Zeitpunkt nicht neben dem Ferrari. Dann kam es zum Kontakt: Der BMW traf das Heck des Ferrari. Erst nach diesem ersten Kontakt bremsten beide Fahrer. Der #37 Ferrari geriet daraufhin ins Schleudern übers Gras, überquerte die Kurve und kollidierte mit dem #91 Ferrari von Oliver Millroy.
Beide Fahrzeuge konnten das Rennen anschließend nicht fortsetzen und fingen Feuer. Das Rennen wurde daraufhin mit der roten Flagge abgebrochen und nicht wieder aufgenommen. Die Stewards untersuchten dafür unter anderem die Onboard-Aufnahmen der Fahrzeuge #33 und #37, die TV-Bilder, CCTV-Aufnahmen sowie die Zeitnahme-Daten.
Verhagen weist Verantwortung zurück
Bei der ersten Anhörung am 5. September erklärte Verhagen laut Stewards, dass er sich vom vorausfahrenden Fahrzeug „geschlossen“ gefühlt habe. Der Fahrer des #37 Ferrari habe ihm demnach nicht ermöglicht, sein Überholmanöver abzuschließen. Verhagen erkannte laut Entscheidung keinen eigenen Fehler und keine Verantwortung für den Kontakt an. Seiner Ansicht nach habe die Verantwortung beim Fahrer des #37 gelegen.
Am folgenden Tag sollte eine gemeinsame Anhörung der beiden Fahrer stattfinden. Dazu kam es jedoch nicht. David Chen befand sich aufgrund seiner beim Unfall erlittenen Verletzungen wieder/immernoch im Krankenhaus, während Verhagen trotz vorheriger Information nicht an der Anhörung teilnahm. Stattdessen wurden die Teammanager beider Fahrzeuge angehört.
Der Teammanager des #37 erklärte, dass Chen keine Erinnerung an den Unfall habe. Nach eigener Auswertung der Onboard-Aufnahmen sei sein Fahrer jedoch nicht falsch gefahren und die Verantwortung liege beim folgenden Fahrzeug. Der Teammanager des #33 bestätigte dagegen, dass Verhagen weiterhin bei seiner Darstellung vom Vortag bleibe. Gleichzeitig akzeptiere das Team die von den Stewards verhängte Strafe.
Stewards widersprechen der Darstellung
Die Stewards kommen nach Auswertung des Videomaterials zu einem deutlich anderen Ergebnis.
Die Aufnahmen würden die Darstellung von Verhagen nicht unterstützen. Zum Zeitpunkt des Kontakts sei der BMW direkt hinter dem Ferrari gewesen, habe sich nicht neben ihm befunden und somit auch kein Recht auf die Rennlinie etabliert.
Gleichzeitig habe der #37 Ferrari laut Stewards keinen Fahrfehler begangen, durch den ein Überholversuch von Verhagen blockiert oder „geschlossen“ worden wäre. Die Rennleitung kommt deshalb zu dem Schluss, dass sowohl der Fahrer des #37 als auch Oliver Millroy im #91 Ferrari keine Verantwortung für den Unfall tragen.
Verhagen habe als nachfolgender Fahrer bei sehr hoher Geschwindigkeit nicht genügend Abstand und Kontrolle über sein Fahrzeug gehalten. Zudem sei er der Fahrer gewesen, der in dieser Situation noch hätte reagieren und die Kollision verhindern können. Damit sehen die Stewards Neil Verhagen als allein verantwortlich für den gesamten Unfall.
Schwere des Unfalls wirkt sich auf die Strafe aus
Bei der Festlegung der Strafe berücksichtigten die Stewards insbesondere die Schwere des Vorfalls. Der Kontakt ereignete sich bei rund 270 km/h in einem der schnellsten Streckenabschnitte, noch bevor die Fahrzeuge für Kurve 14 gebremst hatten.
Zusätzlich wurde berücksichtigt, dass durch die Kollision ein drittes Fahrzeug, das mit dem ursprünglichen Kampf zwischen den Fahrzeugen #33 und #37 nichts zu tun hatte, in den Unfall verwickelt wurde.
Zwei Fahrzeuge konnten das Rennen nicht fortsetzen und wurden durch den anschließenden Brand schwer beschädigt. Zudem musste das Rennen mit der roten Flagge abgebrochen werden und konnte nicht mehr aufgenommen werden. Als weiteren erschwerenden Faktor nannten die Stewards, dass Verhagen keine Verantwortung für den Unfall anerkannt habe.
Drei Strafen für Neil Verhagen
Auf Grundlage ihrer Entscheidung verhängten die Stewards deshalb die maximal vorgesehenen Strafen.
Der #33 BMW erhält eine Zeitstrafe von 60 Sekunden, die auf die Rennzeit aus Rennen 1 aufgeschlagen wird. Zusätzlich erhält Neil Verhagen eine Rückversetzung um zehn Startplätze für das nächste Rennen, in dem er an den Start geht. Darüber hinaus werden ihm drei Behaviour Warning Points gutgeschrieben. Die komplette Stewards Decision 15 findet ihr hier.
Gerechte Strafe oder zu hart?
Die Entscheidung der Stewards steht damit fest. Nach ihrer Untersuchung trägt Neil Verhagen die alleinige Verantwortung für die schwere Kollision, während der Fahrer des #37 Ferrari und Oliver Millroy von jeglicher Schuld freigesprochen wurden.
Ob die verhängte Strafe gerecht ist oder ob die Rennkommissare zu hart gegen Verhagen vorgegangen sind, dürfte allerdings weiterhin für Diskussionen sorgen. Im Livebild war zu sehen, wie der Ferrari vor dem Kontakt deutlich nach rechts bis an den Streckenrand zog. Die Stewards kommen in ihrer Untersuchung jedoch zu dem Schluss, dass dabei keine ungewöhnliche Änderung der Fahrtlinie zu erkennen gewesen sei und Verhagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht neben dem Ferrari war.
Saisonfinale in Sepang
Wie viele Fahrzeuge beim Saisonfinale in Sepang tatsächlich an den Start gehen werden, ist nach den Ereignissen dieses Wochenendes derzeit noch unklar. Auch Li Kerong erklärte bereits, dass er keine weiteren Rennen in der CHINA GT bestreiten werde. Er war an diesem Wochenende im GTC/GTS-Feld unterwegs, nachdem zuvor bereits FIST Team AAI seinen sofortigen Rückzug aus der Meisterschaft angekündigt hatte. Es bleibt daher abzuwarten, wer beim letzten Rennwochenende der Saison tatsächlich noch dabei sein wird.
Das Saisonfinale der CHINA GT Championship 2026 findet vom 6. bis 8. November in Sepang statt – live mit Simon Fauser auf unserem YouTube-Kanal!